Zwischen Wiedergeburt, Vergänglichkeit und Wahn
28 Jahre nach der Rage-Epidemie kehrt das dystopische Virus zurück. Mit ihm ein Gefühl von Verlorenheit, das tiefer geht als je zuvor. 28 Years Later führte die Reihe in eine neue Ära des Grauens, an die sich nun The Bone Temple anschließt. Wo 28 Days noch roh und eindringlich war und 28 Weeks Tempo und Weite suchte, wagen die beiden 28 Years-Teile den Blick in die spirituelle Leere einer Welt, die längst aufgehört hat, an Erlösung zu glauben.
Wenn der Glaube verwest
(Spoilerwarnung: Diese Kritik enthält zentrale Handlungselemente.)
Regisseurin Nia DaCosta und Autor Alex Garland holen das Virus aus den Straßen Londons und verlagern die Handlung in eine trostlose Enklave, den titelgebenden „Bone Temple“, eine improvisierte Kultstätte aus Schädeln und Knochen, irgendwo in Schottland. Hier haben sich Überlebende verschanzt, die das Virus nicht mehr als Fluch, sondern als göttliche Prüfung verstehen.
DaCostas Erzählweise wirkt fast wie eine Parabel: zwischen Glaubensfanatismus, menschlicher Verzweiflung und der Frage, ob Zivilisation überhaupt noch existiert. Inmitten der bleichen, erdigen Farbpalette und des pulsierenden, fast religiösen Sounddesigns wirkt der Film weniger wie ein Horrorfilm und vielmehr wie ein Ritual, das sich langsam selbst auffrisst.
Symbolik und Zerrissenheit
Der Bone Temple fungiert weniger als Kultstätte im religiösen Sinn, sondern als ein Zufluchtsort, der den Glauben an Kontrolle und Überleben selbst infrage stellt. Inmitten der Überreste einer zerfallenen Zivilisation suchen die Figuren nach einer neuen Ordnung, zwischen rationaler Vernunft und fanatischem Überlebensdrang.
Dr. Ian Kelson (Ralph Fiennes) wird zur moralischen und wissenschaftlichen Achse des Films. Seine Versuche, das Virus nicht nur zu verstehen, sondern seine biologische Evolution zu dokumentieren, führen ihn in ein ethisches Dilemma: Ist Heilung überhaupt noch möglich, wenn die Menschheit längst an ihre eigene Gewalt angepasst ist? Seine beharrliche Kontaktsuche und die entstehende Freundschaft zu dem Alpha-Zombie Samson beweisen jedoch, dass die Hoffnung auf Heilung noch nicht aufgegeben werden darf und das Virus vielschichtiger und komplexer ist als es auf den ersten Blick scheint. Ralph Fiennes zeigt erneut, was für ein herausragender und einzigartiger Darsteller er ist.
DaCosta führt dabei mit einem sicheren Gespür für visuelle Dichte und psychologische Spannung Regie. Ihr Stil ist weniger hektisch als Boyles frühere Handschrift, dafür kontrollierter, intimer und mitunter beklemmend still. Sie legt den Fokus stärker auf Gesten und Blicke als auf Schockmomente, auch wenn diese nicht zu kurz kommen. Im Mittelteil verliert der Film gelegentlich an Tempo. DaCostas inszenatorische Strenge lässt Raum für eindrucksvolle Bilder, doch manche Sequenzen wirken mehr beobachtend als erzählend. Durch die grandiose Untermalung des Soundtracks entfalten diese Bilder jedoch eine besondere und eindringliche Wirkung.
Zwischen Anspruch und Emotion
Was The Bone Temple spannend macht, ist sein Mut, das Genre zu brechen. Emotionale Momente, etwa Kelsons Opfer am Ende oder die Begegnung mit einem „geheilten“ Infizierten, entfalten nur teilweise die Wucht früherer Teile. Die rohe Energie von 28 Days Later fehlt in der zweiten Hälfte des Films. Stattdessen dominiert intellektuelle Schwere.
Technisch ist der Film, wie erwartet, stark: Kameramann Sean Bobbitt arbeitet mit verwackelten Digitalkameras, rauem Licht und kalten Grautönen, die an dokumentarische Ästhetik grenzen. Genau diese visuelle Strenge unterstreicht die Symbolik. The Bone Temple ist faszinierend anzusehen und weckt immer wieder mitfühlende Momente.
So beginnt ein regelrechtes Mitfiebern, welcher der Jimmys das nächste Opfer wird und ob es Spike und Jimmy Ink (Erin Kellyman, die eine grandiose schauspielerische Leistung abliefert) am Ende gelingt Sir Jimmy Crystal zu stürzen.
Fazit
28 Years Later – The Bone Temple ist eine visuell eindrucksvolle, thematisch ambitionierte Fortsetzung, die zwischen Apokalypse und Glaubenskrise pendelt. Vielleicht liegt darin auch ihre Ehrlichkeit: Das Ende der Menschheit kommt nicht mit einem Schrei, sondern mit einem Gebet.
Durch das offene Ende und die Rückkehr eines Charakters der allerersten Stunde der Reihe entsteht Hoffnung auf Teil der 28 Years-Reihe, der die Geschichte zu einem fulminanten Abschluss führen könnte.
🎬Bewertung: 6,5 / 10 Punkten
Atmosphärisch, symbolisch stark, aber emotional etwas distanziert – eine würdige Fortsetzung, wenn auch nicht der beste Teil der Reihe.